lmb_words_stories_Der Sonnenuntergang

Nur noch wenige Menschen gehen den langen, von Seegras gesäumten Strand entlang. Die meisten von ihnen sehen ihn gar nicht. In ihrer Welt gibt es wichtigere Dinge, nicht für mich. Ich liege im Sand und lasse meinen Blick über die Wellen schweifen. Ab und zu kreist ein Möwenpäärchen über meinem Kopf. Auch sie scheint nichts zu interessieren. Außer ihrem gelegentlichen Kreischen und dem leisen Rauschen der Wellen höre ich nur Musik, die direkt in meinem Kopf zu entstehen scheint. Langsam betrachte ich erst den mittlerweile kühl gewordenen Sand, den Mann, der leise über seine Frau fluchend mit seiner Tochter Federball spielt, dann die drei Mädchen, die sich unterhaltend und kichernd an mir vorbeigehen, danach die kleine Reihe von Bojen, die den Weg zur nächsten Inselkette säumt und schließlich den Himmel über mir, vor mir, neben mir, in mir.
Dort oben scheint nur ein leichter Wind zu wehen, während er hier unten auffrischt und mich frösteln lässt. Ich wünschte mir, es gäbe jemanden, der mich wärmt, der mit mir die Schönheit dieses Momentes erkennt.
Langsam verschwindet die orangefarbene Sonne hinter einigen hohen Wolkentürmen. Ihr Licht strahlt über den ganzen Himmel.
Ich blicke noch einmal über den Strand. Der Mann hat das Spiel mit seiner Tochter leise über sein Knie fluchend aufgegeben, die Mädchen sind schon außer Sichtweite. Dieser Moment gehört mir, mir ganz allein.
Das Gefühl der Einsamkeit wird wieder stärker, als ich plötzlich in den Himmel starrend rote Strahlen sehe, die die Wolken in einen Feuerschein tauchen, wie ich ihn noch nie gesehen habe.
Und plötzlich verstehe ich, was diesen Moment ausmacht. Er bedeutet für jeden das, wonach er sich am meisten sehnt. Und ich weiß jetzt, was er für mich bedeutet.