lmb_words_stories_Das Märchen ohne Namen

Es war einmal eine junge Bauerntochter, die sich in einen Prinzen verliebt hatte. Sie hatte ihn zum ersten Mal gesehen, als er während eines pompösen Festzugs gefolgt von einer Schar von Dienern durch die Gassen des kleinen Städtchens stolziert war. Als einige Tage später ein Jahrmarkt nach Lucre gekommen war, hatte sie sich sofort von einer Wahrsagerin untersuchen lassen. Nach vielen aah’s, oh’s, aha’s und einer eingehenden Studie der Handflächen des Mädchens war sich die alte Frau sicher. Sie hatte sich verliebt.
Ähnliche Dinge passieren oft in Märchen. Es sind die üblichen Mädchen-trifft-Junge, Mädchen-verliebt-sich-in-Junge, beide-leben-glücklich-bis-an-ihr-Lebensende-Geschichten. Meistens!
Die Bauerntochter begann also einen heimlichen Briefwechsel mit dem zukünftigen König von Lucre. Anfangs war es für das Mädchen eine große Überwindung, so offen mit jemandem zu sprechen, den sie nur von der Straße kannte und mit dem sie nie ein Wort gewechselt hatte. Doch nachdem die überaus freundliche und ermutigende Antwort des Prinzen gekommen war, wurde es für sie Nacht für Nacht leichter, aus dem Haus zu schleichen, zum Schloss zu laufen und der Magd, die schon davor wartete den kleinen Zettel zu geben, um einen anderen kleinen Zettel wieder mitzunehmen und ihn heimlich, meistens bei Mondschein, zu lesen.
Sie log in den Briefen ein wenig, um ihn zu beeindrucken, er log ein wenig, um nicht zu beeindruckend zu erscheinen.
Er war indes der hübschen Comtesse de la Humien vorgestellt worden, eine Frau, die nach der Meinung von König und Königin bestens für die Rolle als „Frau an der Seite des zukünftigen Königs“ geeignet war. Auch der Prinz fand Gefallen an ihr. Er genoss zwar die Freundschaft mit dem Bauernmädchen, denn mehr als eine Freundschaft war es für ihn nicht, doch fühlte er sich wie magisch zu der Comtesse hingezogen. Sie war, wie die Geschichtsschreiber ausnahmsweise einheitlich berichteten, eine relativ gut aussehende, attraktive junge Frau mit langem blonden Haar und haselnussbraunen Augen, gegen die unser Bauernmädchen in einem Schönheitswettbewerb vermutlich den „danke, dass du da gewesen bist“-Platz bekommen hätte.
Wie es der Zufall wollte (und er konnte mit seinem Willen ziemlich überzeugend sein), gehörte das Land, auf dem der Bauernhof der Eltern unseres Mädchens stand, direkten Vorfahren der Comtesse, die durch einen tragischen Unfall (und einige Messer an Stellen, an denen sie normalerweise nicht sein sollten) gestorben waren. Bei einer Rundfahrt durch ihre neuen Besitztümer lernte die Comtesse die Bauerntochter kennen und beide verstanden sich großartig, blieben bis spät in der Nacht auf, um sich Geschichten zu erzählen und fanden einander sehr sympathisch. Keine wusste jedoch vom Verhältnis der jeweils anderen zum Prinzen von Lucre. Der wiederum wusste nichts von ihrem Verhältnis untereinander – eine vertrackte Situation.
Eines Tages, genauer gesagt eines Nachts, als der Vollmond sein Licht durch die Gassen des kleinen friedlichen Städtchens scheinen ließ, wanderten beide Mädchen ein wenig umher und unterhielten sich. Als sie auf die Liebe zu sprechen kamen, schwärmten beide von einem Mann, der ebenso gut aussehend wie poetisch war. Die Bauerntochter hatte ihm jeden Abend ein kleines Gedicht geschrieben und es zu dem Zettel gelegt. Er war regelrecht begeistert davon und schien sie sehr zu mögen.
Die Comtesse berichtete, dass ihr Verehrer ihr ebenfalls romantischste Gedichte vorgetragen hätte, die er für einen nahen Freund geschrieben hätte. Sie berichtete außerdem, dass sie daran dachte, ihn bald zu heiraten. Als die Frage der Bauerntochter nach dem Namen des Glücklichen beantwortet wurde, schlug sie die Hände vors Gesicht und lief nach Hause. Dort schrieb sie unter Tränen ein Gedicht über den Tod und die Vergänglichkeit des Menschen und der Liebe. Sie schrieb und schrieb und schrieb, bis sie ihre Finger kaum noch spüren konnte. Schließlich sah sie auf, blickte noch einmal in den Spiegel, fast, wie um Lebewohl zu sagen, lief dann zum Schloss und drückte der Magd die vom Regen und ihren Tränen durchnässten Papiere mit dem Hinweis in die Hand, dass sie ab sofort nicht mehr auf sie warten müsse. Die verwunderte Magd sah nur noch, wie sie mit den Tränen kämpfend hinter der nächsten Häuserecke verschwand.
Als der Prinz das lange Gedicht las, wusste er, dass er nie wieder von der Bauerntochter hören würde, konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen, warum. Den Hinweis eines Mitgliedes der Stadtwache, dass ein junges Mädchen sich vermutlich selbst in den tiefen Brunnen der Stadt gestürzt hatte, überhörte er, er war gerade beschäftigt.
Und was geschah danach?
Nun, vermutlich heiratete der Prinz die Comtesse und lebte mit ihr glücklich bis an sein Lebensende, denn so müssen Geschichten, die mit „es war einmal…“ beginnen nun einmal enden.
„Die Fiktion ist manchmal nur Realität mit etwas Dramatik.“
Es war einmal, es wird einmal sein, es ist…

(august 2001)