lmb_words_stories_Geister der Vergangenheit

Das alte Haus stand auf einer Klippe hoch über dem Meer. Die nächste größere Stadt lag einige Kilometer, die nächste Autobahn fast 100 Kilometer entfernt. Nur ein kleiner Feldweg führte zu dem großen bedrohlichen Gebäude, das vor vielen Jahren eine ansehnliche Villa gewesen war.
Hinter dem schweren Eisentor, in das die Initialen JM eingelassen waren, hatte es eine von blühenden Blumen erfüllte Auffahrt gegeben, genau dort, wo sich nun die großen schwarzen Eiben befanden.
In der Eingangshalle hinter der Holztür, deren einst mit großer Sorgfalt angefertigte Verzierungen heute kaum noch zu erkennen waren, hatten sich prunkvolle Feste ereignet. Wenn man sich auf die von zentimeterdickem Staub überzogene lange Wendeltreppe stellte, die den gesamten Raum erfüllte und die Augen schloss, konnte man fast die Musik, das fröhliche Gelächter und die interessierten Gespräche der Bewohner und Gäste hören.
Durch die großen mit Spinnweben verdeckten Fenster im alten Arbeitszimmer, durch die man in früheren Wintern die wunderschönsten Sonnenuntergänge sehen konnte, blickte man heute auf die unbarmherzige stürmische See, die wild und ungebändigt gegen die scharfen Klippen schlug.
Die großen Betten in den Schlaf- und Gästezimmern im ersten Stock, die nun vermutlich bei der kleinsten Berührung zusammengebrochen wären, hatten in früheren Zeiten viele Menschen beherbergt und ihnen einen angenehmen und geruhsamen Schlaf beschert.
Doch all dies war vorbei, lange bevor diese Geschichte beginnt.
Für ihn hatte sich nicht viel verändert. Er stand weiterhin jeden Morgen pünktlich um 5:00 Uhr auf, genau zu der Zeit, zu der der Hahn, der vor etwa sieben Jahren gestorben war, seinen markerschütternden Ruf durch die Morgenluft geschmettert hatte. Er stand also auf, gähnte, streckte sich, rieb sich die Augen, klopfte behutsam auf sein linkes Knie, das schon seit Jahrhunderten Schwierigkeiten zu machen schien, wusch sich kurz und legte die Uniform an. Er ging so schnell, wie es seine müden alten Knochen erlaubten, in die Küche und bereitete dort ein Frühstück für zwei Personen vor. Er selbst aß nichts, später am Tag würde noch genug Zeit für einen Apfel oder ein Stück Brot bleiben. Ordnungsgemäß servierte er das Frühstück, räumte exakt 46 Minuten später wieder ab und widmete sich dann den täglichen Aufgaben.
Er musste sich um das Gemüsebeet kümmern, das Mittagessen vorbereiten, sich jeden Mittwoch auf den langen Weg ins Dorf zum Markt machen, oder die Zimmer notdürftig reinigen. Das Zimmermädchen, das eigentlich für so etwas zuständig gewesen war, war schon seit Jahren nicht mehr erschienen. Er würde ihr eine gehörige Standpauke halten, wenn er sie das nächste Mal sähe.
Am Abend servierte er das Abendbrot, zündete einige Kerzen und dann den großen Kamin im Wohnzimmer an. Er reichte etwas Cherry herum, einige Zigarren; beides ging jedoch, wie an jedem Abend, unberührt wieder zurück. Später räumte er noch ein wenig auf, löschte die Kerzen und den Kamin und ging ins Bett. Vor dem Einschlafen strich er noch einmal durch seine wenigen weiß gewordenen Haare, blickte zur Decke und fragte sich, ob es schon immer so gewesen sei.
Dies tat er jeden Tag, Montag bis Sonntag, 365 Tage, 82 Jahre lang. Bis heute. An diesem Morgen wacht er nicht wieder auf. Er ist tot.
Am nächsten Mittwoch fragen sich die Leute auf dem Markt, wo der alte wunderliche Mann bleibt, der jeden Mittwoch zur gleichen Zeit auf den Markt gekommen war und immer die gleichen Dinge eingekauft hatte. Er soll seit mindestens zwanzig Jahren völlig allein im alten Mitchell-Anwesen gelebt haben. Er war Butler des alten Lord James Mitchell und seiner Frau gewesen, die vor langer Zeit auf sehr merkwürdige Weise verschwunden waren.
Seinen Namen kennt niemand und bis zum nächsten Mittwoch haben sie ihn völlig vergessen.
Doch das alte Haus steht weiter auf einer Klippe hoch über dem Meer. Bis heute.

(october 2001)