lmb_words_stories_TimeTrax

"Bitte erschrecken Sie nicht, meine Damen und Herren. Das, was Sie nun zu sehen bekommen, hat noch kein menschliches Wesen vor Ihnen erblickt. Wir stehen auf der Spitze der Evolution. Noch nie zuvor ist es Menschen gelungen, nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit zu durchqueren. Dies ist eine einmalige Gelegenheit für mich."
Dr. Marvin Powell, 3. Januar 2046, der Tag des ersten Zeitexperiments

Es hatte sich so viel verändert. Seit Jahren war Dr. Marvin Powell wissenschaftlicher Leiter des TimeTrax-Experiments gewesen. Er selbst hatte das erste erfolgreiche Zeitexperiment durchgeführt, nur ihm selbst war es zu verdanken, dass so viele geschichtliche Irrtümer, die so genannte Archäologen in der letzten Zeit verbreitet hatten, aufgelöst wurden. Vieles, was als Mythos galt, wurde Realität, viele als Basis für heutige Meinungen angenommene Fakten hatten sich als falsch erwiesen. Doch nun sollte alles auf einen Schlag vorbei sein?
Selbst für diese Zeit war Dr. Powell alt, sehr alt sogar. Obwohl das Durchschnittsalter seiner Generation mittlerweile bei 146,3 Jahren lag, hatte er ohne nennenswerte Probleme vor einigen Monaten seinen 150. Geburtstag gefeiert. Bis vor einer Woche hatte seine einzige Lebensaufgabe darin bestanden, die Vergangenheit zu erforschen. Nachdem er sein Physikstudium "magna cum laude" abgeschlossen hatte und quasi direkt von der Universität vom TimeTrax-Team engagiert worden war, waren mehr als 115 Jahre vergangen. Eine unvorstellbar lange Zeit für einen normalen Menschen, für Dr. Powell war es nur ein Katzensprung.
Er hatte den Bau der chinesischen Mauer beobachtet, hatte Cleoprata durch ein Spektronenfernglas aus einer Entfernung von 354 Kilometern dabei beobachten können, wie sich die Haare kämmte, er hatte die Ermordung Cäsars ebenso wie die Geburt von Christopher Columbus mit angesehen. Doch nun war er angeblich zu alt für so etwas. Angeblich hatten seine körperliche und besonders seine geistige Leistungsfähigkeit in den letzten 10 Jahren so stark abgenommen, dass seine Kollegen und Freunde schon fürchteten, ihn in ein Heim einweisen zu müssen. Doch allen Befürchtungen zum Trotz hatte Powell weitergearbeitet und stand nun am Rande einer weiteren Bahnbrechenden Entwicklung. Die Reise in die Zukunft würde in den nächsten Monaten Wirklichkeit werden, doch er würde dies höchstens vom heimischen Wohnzimmersessel aus verfolgen können. Dazu war er jedoch nicht bereit.

Als seine Kollegen an diesem Abend das Büro verließen, sich von ihm verabschiedeten und ihn fragten, wie lange er denn noch an diesem Experiment arbeiten würde, entgegnete er wie üblich: "Eine Ewigkeit!" Sie lachten nur, schüttelten den Kopf und verließen dann das Labor. Dr. Powell blieb allein zurück, wie schon so oft. Aus einer Schublade seines Schreibtisches zog er ein Blatt Papier, eine wahre Kostbarkeit in diesen Tagen, da die Papierproduktion schon seit dem großen Regenwaldsterben in den 2020ern aufgegeben worden war. Er nahm den Füllfederhalter, den er von seinem Großvater geerbt hatte, in die Hand und begann einen Brief an seine Frau zu schreiben:

Liebe Clara,
wir beide wussten, dass dieser Moment kommen würde. Nur der Zeitpunkt war, wie schon so oft, ungewiss. Vermutlich werden wir uns nie wieder sehen. Es fällt mir unglaublich schwer, diese Zeilen zu schreiben, aber es muss sein. Ich habe fast alles erlebt, was ein Mann erleben kann, fast alles gesehen, was es gibt. Doch eine Tür ist noch verschlossen. Ich aber habe den Schlüssel gefunden und bin fest entschlossen, sie zu öffnen. Nicht nur für mich, sondern für alle Menschen nach mir.
In Liebe
Marvin

Den Zettel legte er auf seinen Schreibtisch, dann stand er auf, löschte das Licht und machte sich auf den Weg in den Kontrollraum. Dort setzte er sich an einen der Computer und begann, das Programm aufzurufen, in das er so viel Mühe und Zeit gesteckt hatte; er hatte es "visions" genannt.
Als auf dem Bildschirm in leuchtenden grünen Buchstaben die Meldung "Experiment prepared, please enter the time chamber" erschien, stand Dr. Powell auf, zog seinen weißen Arbeitskittel aus und betrat den von ihm und seinen Kollegen so genannten "Room of no return".
Hier stand sie, die "Tantalus", seine kühnste Erfindung, sein größter Traum. Ein etwa vier Meter hoher Zylinder mit einem Durchmesser von etwa einem Meter, der aus einer neuartigen Metalllegierung bestand und in den an der oberen Seite viele Schläuche und Kabel mündeten erfüllte den kleinen Raum. Dr. Monroe atmete kurz durch und betrat dann ohne zu zögern die Zeitkammer. Sie war eng und mit Monitoren und Anzeigen erfüllt. Mit zitternden Fingern tippte Dr. Monroe die Zielzeit ein, 20. Juli 2423, 14:23. Als seine Hand über dem roten Knopf schwebte, der mit "Ignition" beschriftet war, gingen ihm all die Dinge durch den Kopf, die jetzt noch schief gehen konnten. Die Energiezufuhr für dieses Experiment mochte größer sein als berechnet und die Energiebasis in der Sonnenumlaufbahn überlasten, die Graviton-Injektoren könnten der höheren Belastung nicht standhalten, sich verdichten und seinen in einzelne Atome auseinander gerissenen Körper in alle Himmelsrichtungen verstreuen. Trotzdem fühlte er ein gewisses Gefühl der Entspannung, als er den Knopf drückte, das vertraute Zischen der sich schließenden Türen hörte, die Augen schloss und den Start abwartete.

Als er die Augen wieder öffnete, glaubte er, zu träumen. Vor sich sah er eine weite Graslandschaft, die in ein seltsames Dämmerlicht getaucht war. Hier und dort sah er einige Bäume, deren Art er beim besten Willen nicht erkennen konnte. Am Horizont konnte er eine riesige Bergkette erkennen. Von Menschen oder Anzeichen von Zivilisation gab es keine Spur.
Vielleicht hatte er sich vertan. Vielleicht hatte er in der Aufregung ein falsches Zieldatum eingegeben. Offensichtlich war sein Programm fehlerhaft gewesen.
Auf ein Mal fuhr er herum, als er spürte, wie sich eine Spitze ein klein wenig in seinen Rücken bohrte. Er blickte hinunter und sah etwas, das mit viel Fantasie wie ein Mensch aussah. Das Wesen war relativ klein, war sehr stark behaart und hielt einen primitiv aussehenden Speer direkt in Höhe von Dr. Powells Brust.
Nachdem er den Schock einigermaßen überwunden hatte, fragte Powell mit zitternder Stimme: "Wer bist du, wo bin ich hier und vor Allem… wann?"
Das kleine Wesen grunzte nur und gab ihm durch leichte Stiche mit dem Speer zu verstehen, dass er sich besser in Bewegung setzen sollte. Es dauerte etwa eine Viertelstunde, bis sie an einer kleinen Höhle angekommen waren, die offensichtlich tief in einen mit Gras bewachsenen Hügel führte. Vor dieser saß eine Kreatur, die ebenso aussah, wie das Wesen, das Powell bereits kannte, nur schien es ungleich älter zu sein. Die Haare des Wesens waren fast schneeweiß und tiefe Falten zeigen sich in seinem Gesicht. Es hatte einige Lederstücke um den Körper gebunden und blickte Dr. Powell aus seinen tiefschwarzen Augen an.
"Nun, wie ich den Herrn hier schon fragte…", sagte Powell, "Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich hier bin und… wann?"
"So lange her… Menschen…", erwiderte das alte Wesen. "Habe schon seit Jahren nichts Menschen gesehen! Aber Gesicht kenne ich. Powell, nicht wahr? Tyrann Powell, sie haben gesagt. Schuld an Unglück. Schuld an Ende von Menschen."
"Ich? Ich soll Schuld am Ende der Menschheit haben? Aber wieso denn?", fragte Powell verwundert.
"Einfach. Hat gespielt mit Zeit. Spielen mit Zeit schlecht. Ist plötzlich verschwunden und hat zu viel Energie gebraucht. Seitdem ist so!" Das Wesen deutete an Powell vorbei in den Himmel. Als er sich umdrehte, traute er seinen Augen nicht. Das war der Grund für die ungewöhnliche Kühle und das seltsame Licht. Powell stockte der Atem. Die Sonne hatte sich verdunkelt und war auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe zusammengeschrumpft. Überall zeigten sich Risse in der ansonsten fast schwarz gewordenen Oberfläche.
"Nicht lange und Sonne wird erst klein und dann groß. Frisst Erde auf, haben Menschen gesagt. Menschen haben sich vor lange Zeit gesetzt in Raumschiffe und sind weggeflogen. Kluge Menschen. Klug wie Powell!"
Dr. Powell dröhnte der Schädel. Er war für all dies hier verantwortlich. Sein Experiment hatte mehr Energie benötigt, als er es berechnet hatte. Er hatte der Sonne mehr Energie entzogen, als diese es verkraftete. Innerhalb von nur dreihundert Jahren war das passiert, was sonst erst in Millionen, wenn nicht Milliarden von Jahren eingetreten wäre. Die Sonne hatte ihre gesamte Energie in den Weltraum verschossen, fiel nun langsam zusammen und würde sich nach der aktuellen Größe zu urteilen schon in wenigen Jahren, vielleicht schon innerhalb von Monaten auf ein vielfaches ihrer ursprünglichen Größe ausdehnen und dabei sehr wahrscheinlich die Erde genau so wie viele andere Planeten dieses Sonnensystems einfach verschlucken.
Powell spürte einen gewaltigen Kloß in seiner Kehle. Er fühlte kalten Schweiß auf seiner Stirn und sein Herz schlug immer schneller.
"Powell Schuld an Ende von Menschen. Raumschiffe sind alle weg, Powell bleibt hier. Wird sterben genau wie wir. Powell bleibt hier, Powell bleibt hier!"
Es fühlte sich so an, als ob die Welt angefangen hätte sich zu drehen. Die Farben verschwammen und auch der Gesang des Wesens wurde zu einem undefinierbaren Gejaule. Er konnte die Farben und die Bewegungen nicht mehr ertragen, kniff die Augen zusammen und hielt sich die Hände schützend über die Ohren. Und plötzlich fühlte er, dass er aus vollem Leib schrie. Er weinte und wimmerte. "Warum? Warum musste ich es unbedingt ausprobieren? Ich habe die Zukunft der Menschheit zerstört. Ich ganz allein!"
"Marvin. Marvin! Was ist denn los? Ist alles in Ordnung?"
Ganz plötzlich hatte alles aufgehört, auf ihn ein zu stürmen. Alles war ganz ruhig. Da war nur die beruhigende leise Stimme, die langsam zu ihm sprach.
"Marvin, weißt du, wo du bist? Du musst einige Minuten bewusstlos gewesen sein. Der Arzt meint, es sei wieder etwas mit deinem Herzen nicht in Ordnung. Er hatte dir doch gesagt, dass du dich nicht so sehr aufregen sollst!"
Erst jetzt wagte Powell es, die Augen zu öffnen. Er befand sich in seinem Labor. Die Lampe, die auf dem Tisch gestanden hatte, lag ebenso wie einige seiner Unterlagen auf dem Boden. Und er selbst lag mitten darin und fühlte eine Kühle Hand auf seiner Stirn. Als er aufblickte, sah er, dass seine Frau Clara mit ernstem Blick über ihn gebeugt neben ihm kniete.
"Bitte, Clara", brachte er mühsam hervor, "es war ein Fehler. Ich wollte..."
"Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Marvin", antwortete sie sanft. "Es wird alles in Ordnung gehen. Ich weiß, dass du nur das Beste wolltest, wir alle wissen das."
Erst jetzt bemerkte Powell, dass viele seiner Kollegen mit ernster Miene um ihn und seine Frau herum standen. In ihren Augen konnte Powell die zwiespältigsten Gefühle lesen: Teilweise sah er Verachtung darüber, dass er das Experiment gewagt hatte, ohne sie zu konsultieren, sogar ohne sie zu informieren, andererseits konnte er aber auch Bewunderung für seinen Mut erkennen.
Um zu einer anderen Erkenntnis zu gelangen, brauchte er jedoch noch nicht einmal seine Kollegen, seine Freunde anzusehen. Er war alt geworden, erst jetzt begann er dies richtig zu spüren. Alt und müde. Alles was er wollte war ein wenig Ruhe. Doch die sollte er nicht bekommen…

(march 2002)