lmb_words_stories_Wenn nicht jetzt, wann dann?

Der Wind strich ihr durch das Haar. Es war ziemlich kalt hier oben. Sie fröstelte, doch das war ihr jetzt egal. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Sie stand dort oben, beide Hände um das dünne Metallgeländer geklammert, das mit Streben in den Fels eingelassen war. Wahrscheinlich als Abschreckung, dachte sie.
Das Geschrei von Möwen drang an ihre Ohren. Sie liebte Tiere, besonders Vögel. Trotzdem nahm sie jetzt den Discman aus ihrer Tasche, steckte sich die Kopfhörer in die Ohren, drehte die Lautstärke voll auf und drückte auf den Play-Knopf. Wenn nicht jetzt, wann dann? Plötzlich waren die Möwen sehr weit weg.
Sie schmeckte das Salz auf ihren Lippen. Noch nie zuvor hatte sie hier oben gestanden. Sie war am Meer gewesen, sehr oft sogar. Damals, vor vielen Jahren, war sie oft mit ihren Eltern im Urlaub ans Meer gefahren. Berge kamen für sie nie in Frage. Schnell war ihr klar, dass sie das Meer liebte. Lange lag sie auf den Wellen und ließ sich einfach treiben. In einem Sommer, sie musste zehn oder elf gewesen sein, hatte sie sich auf einer Luftmatratze ins Wasser gelegt und war ohne es zu bemerken so weit abgetrieben, dass ihr Vater ihr hinterher geschwommen war, während ihre Mutter zitternd vor Angst am Strand gestanden hatte. Natürlich war alles gut gegangen, bei ihr war als Kind einfach alles gut gegangen.
Der Wind wechselte die Richtung. Jetzt blies er ihr die langen blonden Haare ins Gesicht. Sie strich die Haare zurück, obwohl es sinnlos war. Natürlich wusste sie das. Eigentlich bin ich schön, dachte sie, als sie kurz darüber nachdachte. Früher hatte sie sich immer im Spiegel angesehen und jedes Mal ein Detail an sich gefunden, das sie verändern wollte. Mit neun war ihre Nase zu groß, mit vierzehn hatten ihre Brüste nicht die richtige Größe und mit Zwanzig fand sie, dass ihr Hintern nicht gut in Form wäre. Sie hatte sich immer vorgenommen, etwas an all diesen Dingen zu verändern. Mit neun hatte sie davon geträumt, endlich reich genug zu sein, um sich den Schönheitschirurgen leisten zu können, der ihre Nase richten würde. Natürlich würde es wehtun, doch Schmerz war sie ja gewohnt. Mit vierzehn hatte sie im Internet nach diversen Techniken gesucht, die ihr bei der Brustvergrößerung helfen könnten. Nachdem alles nichts half, hatte sie ihre Mutter gebeten, einige Raten ihres Taschengeldes vorzustrecken, um zumindest dieses Mal den Chirurgen zu bezahlen. Seltsamerweise hatte diese abgelehnt. Mit zwanzig, als sie Studentin war, - sie hatte Psychologie studiert, dies jedoch im dritten Semester wieder abgebrochen - konnte sie sich den Chirurgen immer noch nicht leisten, deshalb ging sie wochenlang ins Fitnessstudio. Hinterher waren ihre Oberschenkel perfekt durchtrainiert, um ihre Arme hätte sie so mancher Amateurgewichtheber beneidet, doch leider hatte sich an ihrem Hintern nicht viel verändert. Fand sie zumindest. Doch jetzt, hier oben, zum ersten Mal in ihrem Leben fand sie sich schön. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Sie bückte sich, öffnete die Schnallen ihrer Sandalen, zog sie aus und hielt sie in der Hand. Die waren sehr teuer gewesen. Ihre beste Freundin hatte sie ihr vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt. Damals hatten sie ihr überhaupt nicht gefallen. Sie waren viel zu normal. Damals, als sie fünfundzwanzig geworden war, war sie noch immer in der Rebellionsphase gewesen. Sie war gegen so ziemlich alles gewesen, gegen das man sein konnte, ohne zu viel Aufsehen zu erregen. Sie war gegen die Abholzung des Regenwaldes und nahm an einer Sitzblockade vor einer Papierfabrik teil. Sie war gegen Atomkraftwerke und wurde zusammen mit einigen Fremden von der Polizei von den Geleisen, über die ein Castor-Transport fahren sollte, entfernt. Sie war gegen den Krieg. Krieg ist etwas schreckliches, sagte sie immer wieder. Im Krieg sterben Unschuldige. Der Krieg trifft hauptsächlich die Zivilisten, die mit dem Krieg eigentlich nichts zu tun haben, sagte sie. Deshalb fuhr sie auch mit einigen neuen Bekannten in einige Kriegsgebiete. Sie hatten sich vorgenommen, Blumen in die Mündungen der Panzer zu stecken. Leider sahen sie nur einen ausgebrannten Panzer der Gegner (sie konnte sich plötzlich nicht mehr daran erinnern, wer damals der Gegner gewesen war), dessen zersplitterte Mündung sie mit den Blumen voll stopften. Sie waren schließlich schon vier Sunden lang unterwegs gewesen! Sie war auch gegen den Staat, irgendwie jedenfalls, aber bis heute war ihr keine Möglichkeit eingefallen, wirklich Aufsehen erregend dagegen zu protestieren. Sie hatte über Terrorismus nachgedacht, aber eigentlich war sie ja gegen den Krieg und Terrorismus war ja schließlich auch eine Art von Krieg. Sie hatte über Sitzblockaden, Protest- und Schweigemärsche nachgedacht, aber dies war ihr wenig Erfolg versprechend erschienen. Ich hätte in die Politik gehen können, dachte sie nun. Vielleicht hätte ich dort etwas ändern können. Wer weiß. Sie warf die Sandalen über das provisorische Geländer. Sie waren recht leicht, deshalb dauerte der Fall auch sehr lange. Schließlich prallten sie auf die Felsen unten am Wasser und wurden von den Wellen davon getragen. Wirklich schön, dachte sie.
Sie zog die wollene Strickjacke aus, hielt sie in der Hand und blickte sie an. Ihre Mutter hatte sie ihr geschenkt. Damals, nachdem ihr Vater gestorben war. Es war ein Herzinfarkt gewesen. Ganz plötzlich. Völlig unerwartet. Natürlich, er hatte immer viel gearbeitet, immer viel geraucht und immer viel getrunken. Doch solche Dinge passierten doch immer nur anderen. Zumindest nicht ihr. Ab diesem Tag - sie war gerade siebzehn - änderte sich alles. Die Dinge, die ihr früher so leicht gefallen waren, wurden zur Überwindung. Sie hatte früher gerne Klavier gespielt doch nun erinnerte sie jeder gespielte Ton an ihren Vater. Deshalb hatte sie es aufgegeben. Früher hatte sie nie für die Schule lernen müssen. Dies änderte sich nun, denn sie wurde kontinuierlich schlechter. Auch die vielen Gespräche mit dem sehr verständnisvollen aber inkompetenten Schulleiter hatten ihr nicht geholfen. Schließlich hatte sie ihr Abitur gemacht. Ihr Schnitt betrug 2,9. Ungefähr im Durchschnitt. Durchschnitt - genau das, was sie nie hatte sein wollen. Gut gemacht, mein Kind, hatte ihre Mutter gesagt. Dein Vater wäre stolz auf dich. Sie war in ihr Zimmer gelaufen und hatte sich unter den Kissen vergraben, um ihre Tränen zu verbergen. Warum eigentlich, fragte sie sich jetzt. Warum sollte ich meine Tränen verbergen? Und zum ersten Mal seit damals weinte sie. Sie hatte noch nicht einmal bei der Beerdigung ihrer Mutter zwei Jahre später geweint. Alle hatten sich gegenseitig in den Armen gehalten und geseufzt und mitfühlend genickt und manche hatten ein bisschen geweint. Doch sie hatte allein auf dem alten Holzstuhl am Fenster gesessen und hatte die Tauben beobachtet. Sie liebte Vögel. Das Stück auf der CD war zu Ende. In der kurzen Pause hörte sie die Möwen wieder, wie sie ihre Kreise über ihr zogen. Die Tränen flossen ihr durch das Gesicht. Jetzt fühlte sich der Wind noch kälter an. Doch ihr war es völlig egal. Sie weinte. Wenn nicht jetzt, wann dann? Sie nahm die Strickjacke und schleuderte sie über die Brüstung. Sie flatterte lange im Wind, bevor sie hinter einigen hohen Felsen verschwand.
Sie hielt sich wieder am Geländer fest und kletterte erst mit dem einen, dann mit dem anderen Bein hinüber. Erst das eine, dann das andere Bein. Das hatte ihre Mutter früher auch immer gesagt, wenn sie hingefallen war. Erst das eine, dann das andere Bein. Dann funktioniert das Laufen gleich viel besser. Damals hatte sie immer darüber gelacht und den Schmerz völlig vergessen. Auch jetzt lachte sie wieder. So stand sie lachend und weinend mit dem Rücken zum Geländer am Abgrund. Sie hielt sich mit beiden Händen fest. Hast du die Tür zuhause abgeschlossen, schoss es ihr durch den Kopf. Das ist nun nicht mehr wichtig, antwortete eine Stimme in ihrem Kopf. Sie blickte in die untergehende Sonne. Der Discman stotterte "Fields of Gold" von Eva Cassidy. Sie klopfte dreimal leicht auf eine bestimmte Stelle an dem Gerät und schon klang das Lied an ihre Ohren. Es war genau wie damals auf dem kleinen Konzert. Eine Band aus der Umgebung der Stadt, in der sie studiert hatte, hatte bei einem Konzert gespielt. Sie hatte viele Mitglieder der Band persönlich gekannt und so war sie mit ihrem damaligen Freund vorbei gekommen. Extra für sie hatten sie am Ende Fields of Gold gespielt, ihr Lieblingslied. Die Sängerin hatte ihr zugelächelt als sie "see the children run as the sun goes down among the fields of gold" gesungen hatte. Da hatte ihr Freund die Arme um sie gelegt und sie hatte die Augen geschlossen. Jetzt schloss sie die Augen nicht. Das Meer, dachte sie. Das könnte sie gemeint haben mit dem "Field of Gold". Die Wellen sahen wirklich fast wie ein im Wind wogendes Kornfeld aus. Hast du dich um die Blumen in deiner Wohnung gekümmert, schoss es ihr durch den Kopf. Das ist nun nicht mehr wichtig, antwortete eine Stimme in ihrem Kopf. Ja, fügte sie hinzu, das habe ich. Bis man die Wohnung leer räumt, werden sie durchhalten. Das geht meistens relativ schnell. Alle sind ganz scharf darauf, herauszufinden, ob du irgendwas Wichtiges hinterlassen hast. Alle Erben wollen Geld sehen. Wenn sie schon der Tradition wegen trauern müssen, haben sie wenigstens eine Entschädigung verdient, denken sie. Du wirst alle enttäuschen, dachte sie. Doch das war ihr jetzt egal. Sie hatte oft Menschen enttäuscht. Wie ihren Freund, mit dem sie damals bei dem Konzert gewesen war. Nachdem sie lange zusammen gewesen waren, hatte er um ihre Hand angehalten. Doch sie war gegen verknöcherte Strukturen wie die Ehe gewesen und hatte abgelehnt. Eine Woche später war sie aus der kleinen gemeinsamen Wohnung ausgezogen und hatte die Stadt verlassen. Sie hatte kein besonderes Ziel gehabt und war vom Erbe ihrer Eltern durch die Welt gezogen. Eine Woche Holland, zwei Wochen Frankreich, eine Woche England, zwei Monate USA, einige Wochen Südamerika, eine Woche Australien, lange Zeit in Südostasien. Wie lange sie insgesamt unterwegs gewesen war, wusste sie nicht mehr. Die Reise hatte ihren Horizont erweitert, sie verändert, das sagte sie ihren Freunden, wenn sie danach fragten. Sie fragten aber nicht gerade häufig, weil sie nach ihrer Rückkehr kaum noch einen von ihnen getroffen hatte oder treffen wollte. Es schien ihr nicht richtig. Auf eine seltsame Art und Weise. Hast du nicht noch irgendetwas vergessen, fragte eine Stimme hinter ihr. Sie fuhr herum und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren.
Springen ist auch keine Lösung, sagte der alte Mann, der auf einen Gehstock gestützt vor dem Auto stand, mit dem sie von der Landstraße über den Feldweg hierher gefahren war. Jimmy Eat World spielten gerade "For me this is Heaven" und die Worte "Can you still hear the last goodnight" bohrten sich in ihre Ohren, bevor sie den Pause-Knopf fand. Der Mann musterte sie interessiert. Du bist im typischen Alter dafür. Sechsunddreißig? Zweiunddreißig, antwortete sie. Na, knapp daneben, sagte der alte Mann und lächelte. Dabei entblößte er die zwei verbliebenen Zähne in seinem Mund und eine sehr viel größere Menge Falten in seinem Gesicht. Der Wind, der zwischenzeitlich nachgelassen hatte, frischte wieder auf und blies nun auch ihm durch die spärlich verteilten langen weißen Haare. Sollen wir nicht zu mir gehen? Ich wohne dort drüben, sagte der Mann und zeigte auf ein kleines Häuschen auf einem Hügel, der kaum hundert Meter weit entfernt war. Als sie hergekommen war, hatte sie ihn völlig übersehen. Ich mache den Besten Tee hier in der Gegend und es kommt nicht oft jemand vorbei, der so viel zu erzählen hat, wie du. Woher wollen Sie wissen, dass ich viel zu erzählen habe, fragte sie. Mit der Zeit bekommt man Erfahrung darin, weißt du, antwortete er.
Sie drehte sich noch einmal um. Wenn nicht jetzt, wann dann? Sie blickte auf die Wellen, sah, wie sich die Sonne darin reflektierte, blickte in den Himmel, wo sich vor den Wolken die Möwen immer noch verfolgten und dann noch einmal zu dem alten Mann.
Nun, ich vermute, in meinem Fall täuschen Sie sich, sagte sie. Sie hob ein Bein, lachte und setzte es auf die andere Seite des Geländers. Ich habe nichts zu erzählen, sagte sie und hob nun auch das andere Bein herüber. Zumindest nichts, dass Sie interessieren könnte. Oder besser, interessieren sollte. Aber auf das Angebot mit dem Tee komme ich gerne zurück. Vielleicht können Sie mir ja etwas erzählen. Und sie legte dem Mann, der sehr viel kleiner war als sie, den Arm um die Schulter und ging langsam mit ihm auf das Häuschen zu. Wie im Film, dachte sie. Wie im Film…

(june 2003)