lmb_words_stories_Catan

Sie waren glücklich, ziemlich glücklich sogar, wenn man die Tatsache bedenkt, dass beinahe ihr kompletter Lebensinhalt nur aus Arbeit, Arbeit und Arbeit bestand. Sie pflügten die Felder, kümmerten entweder sich um ihre Tiere oder gingen in den Wald um Holz für ihre Feuer zu sammeln, oder Bäume zum Bau ihrer Häuser zu schlagen.
Sie waren noch nicht lange hier. Erst vor einigen Jahren waren sie mit kleinen Schiffen aus ihrer alten Heimat aufgebrochen, um freies, bisher unbesiedeltes Land zu suchen - und sie fanden es.
Hügel, deren sattes grün sich gegen den tiefblauen Himmel abzeichnete, große Wälder mit hohen Bäumen, die fast den Himmel zu berühren schienen, weite Ebenen, die genug Platz für alle ankommenden Familien boten - kaum ein Siedler konnte hier widerstehen.
Einige von ihnen vereinten ihre Bemühungen und schlossen sich zu kleinen Dörfern zusammen. Wenn die Natur in ihrer Umgebung genug hergab, wurden aus den kleinen Dörfern auch größere Städte mit vielen hundert Einwohnern. Doch trotzdem blieb jeder seiner Berufung treu: Die Bauer blieben auf dem Feld und kümmerten sich um das Korn, die Schäfer hüteten die Schafe, die Förster schlugen Bäume und zogen neue und die Abenteurer kletterten auf der Suche nach Gold in die Berge. Das Leben der neuen Städter war nicht außergewöhnlich angenehm, aber dafür ging es ihnen gut.

Bis zu diesem Tag. Einige von ihnen ahnten schon, dass der blutrote Sonnenaufgang nichts Gutes verhieße. Mütter hielten ihre Kinder zurück, die, gerade aufgestanden, aus dem Haus laufen wollten, um sich mit Freunden auf den großen Wiesen hinter den Städten zu treffen. Die Alten wurden von ihren dicken Zehen und alten Narben geplagt.
Nachdem jedoch einige Tage ins Land gezogen waren und sich rein gar nichts geändert hatte, beschloss man, dass die Furcht übertrieben und von allzu großem Aberglauben verursacht worden war. Die Bauern und Schäfer, Förster und Abenteurer gingen wieder ihren Geschäften nach, die Kinder, die ihre Mütter überzeugen konnten, spielten wieder und die Alten beschwerten sich - nachdem sie ihre Wehwehchen wie ein böser Traum wieder verlassen hatten - über das Wetter, die Frauen wuschen die Wäsche und die Vögel zogen ihre Kreise über den Dörfern und Weiden, den Wäldern und Bächen.
Aber etwas hatte sich verändert. Ob es über Nacht geschehen war oder ob erst jetzt jemand Notiz davon nahm, konnte später niemand genau sagen.

Ein Streit brach aus. Die Bewohner des Dorfes Puddlymoore bestanden darauf, die besseren Schafe gezüchtet zu haben. "Seht mal", sagten sie, als die Einwohner eines anderen Dorfes - Drycombe - zufällig vorbeikamen, "das sind die mit den hässlichen Schafen. Ganz grau und unansehnlich sind die. Fast so hässlich wie ihre Besitzer!" Und die Bewohner von Drycombe riefen zurück: "Aber dafür ist unser Korn besser als eures. Seht nur, wie golden die Ähren sind, wie wunderbar es aussieht, wenn der Wind durch die Felder streift. Dabei könnt ihr doch froh sein, wenn mal eine Ernte nicht von euren dummen Schafen zertrampelt wird!"
Natürlich hatte es schon früher kleinere Streitigkeiten gegeben, - jedes Dorf war sehr stolz auf seine eigenen Errungenschaften - nie zuvor war es jedoch zu einer handfesten Auseinandersetzung gekommen. Als aber John Hollows, der Bürgermeister von Puddlymoore, seine blutende, vermutlich gebrochene Nase hielt und Matthew Brane, der Bürgermeister von Drycombe, von dreien seiner Untertanen gestützt werden musste, während er das Feld räumte, hatte es auch der letzte mitbekommen - irgendetwas war nicht mehr wie früher.
Damals hatte man ein Pint - oder auch einige mehr - getrunken und in der allgemeinen Heiterkeit den eigentlichen Grund für den Ärger völlig vergessen. Nicht so diesmal.

Am nächsten Tag blies ein unbarmherziger Wind aus Osten. "Dieser Wind verheißt nichts Gutes", sagten die Alten. "Alte Schwätzer!", sagten die Jungen. In gewisser Weise hatten beide Recht.
Puddlymoore, das sich nun Puddlymoore Town nannte, hatte begonnen, eine Stadtmauer aus stabilen Lehmziegeln zu errichten. Schon nach einigen Tagen war sie mannshoch, nach wenigen Wochen maß sie mehr als drei Schritt und zog sich um die ganze Stadt.
Drycombe - oder besser, New Drycombe - hielt mit und errichtete eine ebenso hohe Mauer. Matthew Brane, der sich mittlerweile vom Kampf mit dem Bürgermeister von Puddlymoore (Town) erholt hatte, bestand darauf, dass sie mindestens um zwei Spann höher war; eilig aus einer benachbarten Stadt hinzugezogene unabhängige Beobachter konnten jedoch kein eindeutiges Ergebnis feststellen, da sowohl an neuem Material für die Mauer als auch an kleinen Gefälligkeiten für die Beobachter nicht gespart wurde.

Es wurde Winter. Und obwohl selbst der grausamste Winter bisher den beiden kleinen Dörfern Puddlymoore und Drycombe nichts hatte anhaben können, so schien er nun all seine Macht für einen Schlag auf Puddlymoore Town und New Drycombe zu sammeln. In der ersten Nacht gab es viele Opfer. Niemand, besonders die Alten und die Kinder, hatten mit einer solchen Kälte gerechnet. Auch in den Tagen und besonders in den Nächten darauf besserte sich die Lage nicht.
Dies ließ John Hollows und Matthew Brane - und mit ihnen fast die gesamte Bevölkerung der beiden Städte - ihre Streitigkeiten jedoch keinesfalls vergessen; ganz im Gegenteil. Beide Städte buhlten nun mehr denn je um die Gunst der noch unentschiedenen Neuankömmlinge. Viele Bauern aus der Umgebung, die dem gnadenlosen Winter entfliehen wollten, waren in die Städte gekommen und was sie dort sahen, war so unfassbar, dass sie sich erstaunt die Augen rieben und sich fragten, ob vielleicht durch den Hunger oder die strenge Kälte ihre Augen ihnen einen Streich spielten. In beiden Städten kümmerte man sich keineswegs um die Kranken und Verletzten, die Alten und Gebrechlichen. Vielmehr konzentrierte man alle Anstrengungen darauf, die Städte herzurichten und auszubauen.
Noch in diesem Winter entstanden in unglaublicher Geschwindigkeit Marktplätze und Bibliotheken, Ratsgebäude und Häfen. Jede Stadt versuchte dabei, die Erfolge und Errungenschaften der jeweils anderen zu übertreffen, durch Innovation aber auch oft durch schiere Größe.
Auch handwerklich verbesserten sich beiden Städte ständig. Aus der Schafswolle wurde nun feinstes Tuch gesponnen, mit dem die Damen demonstrativ über den neuen Markt promenierten, das in den Bergen gefundene Gold wurde zu Münzen verarbeitet und das Holz, das nun nur noch selten zum Errichten von Häusern benutzt wurde, verwandelte man durch ein geheimnisvolles Verfahren in Papier, auf dem das Wissen der Alten festgehalten und an die Jungen weitergegeben werden sollte.

Sie hörten das Kriegsgeschrei kaum, das am letzten Tag des Winters bei Morgengrauen zunächst schwach, dann stetig lauter werdend gegen die hohen aber schwachen Mauern rauschte. Niemand hatte sich darum gekümmert, Wachen aufzustellen. Alle, die noch nicht zu schwach waren - und oft auch diese - arbeiteten an der Vollendung der bislang größten Bauwerke: In Puddlymoore Town entstand eine Kathedrale von unglaublichen Ausmaßen, in New Drycombe baute man gerade an der dritten Statue zu Ehren von Matthew Brane, den man als Begründer des zweiten Zeitalters feierte.
Sie hörten nicht das Donnern von tausenden von Pferdehufen; sie rochen den Schweiß der Barbaren nicht, die in diesem Moment von Süden heranfegten und die jungen, wehrlosen Städte widerstandslos überrannten. Als sie am ende des Tages die Gegend verließen gab es Puddlymoore Town und New Drycombe nicht mehr.


Nun erhebt sich eine neue Sonne über Catan und der Himmel ist blutrot; der Wind weht aus Osten und die Vögel kreisen hoch über den verfallenen Ruinen von Puddlymoore und Drycombe. Nur die Stadtmauern sind noch deutlich zu erkennen.
Und in diesem Moment kommen die ersten Siedler. Nach einer monatelangen Reise über das Meer, während der sie Stürmen, Hunger und Krankheiten getrotzt haben, erscheint ihnen dieser geschützte Platz als der perfekte Ort für eine neue Siedlung. Und auf den Weidegründen dort sollten sich die Schafe wirklich wohl fühlenů

(january 2004)