lmb_words_stories_Am Tag ist alles anders

Ja ja ja ja… ich bin wach. Ist ja schon gut.
Ich trete nach dem kleinen Elefanten, der auf das Fußende meines Bettes geklettert ist und das markerschütternde Tröten hört auf. Ich strecke mich, gähne laut und schnipse mit den Fingern.
Der ganze Raum wird auf einmal von hunderten von Kerzen erleuchtet. Es brennt in den Augen.
Ich stehe auf und quäle mich ins Bad. Auf dem Weg stolpere ich über diesen lästigen Fußabtreter, der sofort mit bluttriefenden Zähnen nach mir schnappt. Irgendwie schaffe ich es aber trotzdem unter die Dusche. Die braune Flüssigkeit fließt mir über das Gesicht und den Körper. Einige Brocken bleiben kleben.
Nach einigen Minuten drehe ich das Wasser ab und komme aus der Dusche. Die kleine Hexe, die aus dem Abfluss der Badewanne gekrochen kommt, flucht leise über ihre Hüfte, sieht mich und ihre Miene erhellt sich plötzlich. Hallo, kleiner, sagt sie. Hallo, Alte, sage ich. Sie lacht, schwingt sich auf den Besen und fliegt zum Fenster heraus.
Ich quetsche etwas aus dem Hinterteil eines kleinen Käfers auf die Zahnbürste und putze mir die Zähne, dann rasiere ich mich und gehe wieder nach oben, um mich anzuziehen.
Den nur etwa daumengroßen Mann, der auf dem Bücherregal sitzt, bemerke ich nur, weil er schallend lacht und sich den Bauch hält. Zu kalt geduscht, fragt er und kugelt sich vor Lachen. Zu viele Märchen gelesen, frage ich zurück und sein Lachen verstummt. Lächelnd zieht er seinen Hut - ich winke ihm zu - und verschwindet.
Ich ziehe mich an und gehe in die Küche. Ausnahmsweise habe ich noch Zeit für ein kurzes Frühstück. Als ich in die Küche komme, schaut der große Braunbär, der am Tisch sitzt, kurz von seiner Zeitung auf und blickt mich über seine halbmondförmigen Brillengläser an. Morgen, sage ich. Morgen, sagt er, schlürft einen Schluck Kaffee und widmet sich wieder der Zeitung.
Ich esse kurz etwas, ziehe mir die Jacke über und mache mich auf den Weg zur Arbeit.
Nach dem üblichen Duell mit den Grundschülern, die ich jeden Morgen treffe - heute habe ich drei von ihnen erledigt, ohne auch nur einen Kratzer abzubekommen - komme ich an der Bushaltestelle an.
Mit mir stehen noch zwei Katzen dort, die sich gegenseitig putzen. Ich blicke kurz zu ihnen herüber. Sie sehen mich aus ihren kleinen Augen an.
Der Bus kommt. Ich steige ein und das große Maul schließt sich hinter mir.
Drinnen ist es dunkel und warm. Ich setze mich nicht. Die Zähne sehen einfach zu unbequem aus.
Nach etwa zwanzig Minuten hält der Bus, ich trete kurz auf eine bestimmte Stelle der Zunge und das Maul öffnet sich - gerade lange genug, damit ich herausspringen kann.
Ich gehe an der Pforte vorbei, aus der mir ein Krokodil fröhlich zuwinkt. Ihm hängt ein Schild um den Hals, auf dem "Ich protestiere gegen Atomstrom" hängt. Schief.
Ich betrete das Hauptgebäude und werde beinahe von der Glasschiebetür zerquetscht. Sie sieht mich vorwurfsvoll an, als ob es meine Schuld gewesen wäre. Ich nicke ihr kurz zu und gehe weiter. Sie hatte wohl bisher einen ziemlich miesen Tag.
Jetzt geht es durch die kleine Tür hinter dem Aktenschrank in dem Büro, an dessen verschlossener Tür das Schild "Vorsicht, bissiger Leopard" hängt in den Keller. Dort hänge ich meinen Umweltkontrollanzug an das linke Horn des Nashorns, das mich wutschnaubend ansieht. Vor einigen Jahren hatte es versucht, von der anderen Seite her die Wand zu durchbrechen, war dabei aber gescheitert und stecken geblieben. Jetzt fütterten wir es regelmäßig, gaben ihm Wasser und abgesehen von der Tatsache, dass der Raum, in dem sich das Hinterteil des Tieres befindet, nun völlig unbrauchbar ist, passt es uns eigentlich ganz gut.
Ich setze mich und tippe etwas auf der Tastatur herum. Ich arbeite übrigens in der EDV-Abteilung einer Fachklinik für Psychiatrie. Aber das nur nebenbei.
Der Waschbär kommt an mir vorbei, wünscht mir einen guten Morgen und geht weiter zur Kaffeemaschine.
Die beiden Wollmäuse kugeln an der Decke entlang in den Serverraum. Was die wohl wieder vorhaben…
Der Vormittag vergeht ohne nennenswerte Probleme. Der Chefbiber hat zwar wieder mal Schwierigkeiten mit seiner Grafikkarte und der Zyklop aus der Finanzbuchhaltung versucht verzweifelt, das Papier aus dem Drucker zu bekommen, während dieser geifernd nach ihm schnappt.
Ansonsten bleibt es aber ein ruhiger Morgen und gegen 12:00 mache ich mich auf den Weg zur Kantine. Dort entscheide ich mich für die Maden im Speckmantel. Die riesige Schnecke, die mir den Teller reicht, sieht heute ziemlich mitgenommen aus. Wahrscheinlich schlecht geschlafen, vermute ich.
Ich setze mich also und esse, während ich mich mit dem alten Eichelhäher unterhalte. Er hat immer etwas zu erzählen.
So vergeht die Mittagspause rasend schnell und ich bin schon wieder an meinem Arbeitsplatz. Die Wollmäuse tummeln sich jetzt in den Toiletten - werden die eigentlich bezahlt? Die Wollmäuse, nicht die Toiletten - und mein Chef, der etwas behäbige Hamster lässt mich etwas früher gehen. Nicht viel los heute, sagt er und putzt sich das Gesicht.
Also wieder nach Hause. Die beiden Hände, die auf dem Bürgersteig hinter mir her krabbeln, ignoriere ich einfach. Die wollen doch sowieso nur Geld, um sich neuen Nagellackentferner kaufen zu können!
Unterwegs treffe ich noch zwei Herren in schwarzen Anzügen, mit großen Augen, großen Ohren und großen Füßen. Sie fragen mich, ob ich wüsste, wo Herbert wohnt. Nein, sage ich, ich kenne keinen Herbert. Schulter zuckend gehen sie weiter.
Ich stelle mich kurz an einer Bushaltestelle unter als ein ziemlich heftiger Meteoritenschauer über der Stadt niedergeht. Die beiden Katzen stehen wieder neben mir.
Als ich zu Hause ankomme, ist es fünf Uhr. Ich esse noch rasch einen Happen (der kleine Drache im Herd hat Schluckauf, daher gibt es heute nur Brote), ziehe mich um - ignoriere das Gekicher unter meinem Bett… offensichtlich hat es sich die Hexe mit dem kleinen Männchen dort bequem gemacht - und mache mich wieder auf den Weg.
Ich komme bei der Theaterprobe an - etwas zu spät, wie immer. Fast alle sind schon da: Das kleine Eichhörnchen, das aufgeregt keckernd und mit den kleinen Pfoten gestikulierend auf der Lehne eines Stuhls sitzt, das Faultier, das sich gemütlich an ein Rohr an der Decke geklammert hat und friedlich schnarcht, der Edelstahlkochtopf, der relativ unbeteiligt auf seinem Stuhl dahin köchelt, die Katze - nicht die von der Bushaltestelle -, die mich aus ihren großen braunen Augen misstrauisch ansieht, die alte bucklige Dame, deren Nase mit solch einer enormen Warze besetzt ist, dass man ihr Gesicht kaum dahinter erkennt und der Eichelhäher, der in seiner Ecke sitzt und sich lautstark über alle Anwesenden amüsiert.
Wir unterhalten uns noch eine Weile, dann fangen wir mit der Probe an. Drei Stunden später ist sie vorbei und ich frage mich, wo drei Stunden, die einhundertachtzig Minuten, die zehntausendachthundert Sekunden - jedenfalls ungefähr - eigentlich geblieben sind.
Ich gehe also wieder nach Hause und lege mich ins Bett. Ich liege in der weichen, warmen Gemütlichkeit und blicke in die Finsternis.
Seltsam, denke ich, kurz nachdem ich eingeschlafen bin. Irgendwie gewöhnt man sich an alles…

(march 2004)