lmb_words_stories_Der lange Weg

Sie rieb sich verwundert die Augen. Irgendwie war alles anders als vorher.
Es war ruhig. Völlig ruhig. Unerträglich ruhig, fand sie. Bisher war sie immer von irgendwelchen Geräuschen umgeben gewesen. Das Kratzen eines Bleistifts auf Papier, das Reiben des Radiergummis. Das leise Summen eines Musikers, der sich gerade eine neue Melodie überlegte. Die Stimmen der Menschen. Dies alles war nun nicht mehr da.
Außerdem war es warm. Sie lag im Halbdunkel in etwas dickem, weichem, flauschigem, das sie, nun, da sie aufgestanden war, noch weit überragte. Wie lange, dicke, nach oben stehende Haare, dachte sie.
Doch was noch viel schlimmer war als alles andere: Sie war allein. Völlig allein.
Sie war noch nie zuvor allein gewesen. Immer waren ihre Freundinnen und Freunde, Bekannten und Verwandten in der Nähe gewesen. Doch nun war sie allein. Und irgendwie machte ihr das Angst.
Sie sah sich um, doch wohin sie sich auch drehte - dieser undurchdringlich scheinende braune Dschungel war überall.
Also setzte sie sich wieder hin, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und begann, leise zu schluchzen.
Wie war das alles überhaupt passiert? Sie wusste es nicht. Ihr Kopf schien völlig leer. Alles drehte sich und sie fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Sie wachte erst wieder auf, als ein ohrenbetäubendes Getöse sie weckte. Es klang wie ein Sturm, nein, wie ein Orkan. Und, wenn sie sich nicht täuschte, kam es näher.
Sie sprang auf, drehte sich um und begann zu laufen. Einfach geradeaus, weg von diesem Geräusch. Sie stieß die dicken braunen Borsten beiseite, lief, stolperte, rappelte sich wieder auf und rannte, rannte, rannte.
Plötzlich zeichnete sich rechts von ihr, ein gutes Stück weit weg, etwas metallisch Glänzendes ab. Sie wusste nicht, ob es eine gute Idee war, doch sie drehte nach rechts ab und rannte auf das Etwas zu.
Sie lief, so schnell sie konnte. Der Lärm hinter ihr wurde immer lauter. Das Ding - was immer es auch war - hatte sie fast erreicht. Sie rannte noch etwas schneller, bis sie den Schmerz in ihren Seiten kaum noch ertragen konnte.
Schließlich erreichte sie das metallische Objekt. Plötzlich stand es direkt vor ihr, so dass sie fast dagegen gelaufen wäre.
Hastig sah sie sich um und bemerkte, dass es nicht ein einziges sondern drei riesige Metallobjekte waren, die sich weit über ihr in einem Punkt trafen.
Sie überlegte nicht lange, sondern begann, an dem Stab hinauf zu klettern.
Immer einen Klimmzug nach dem anderen, Stückchen für Stückchen. Sie keuchte vor Anstrengung, wagte es aber weder, eine Pause zu machen, noch, nach unten zu sehen.
Nach zwei Ewigkeiten kam sie an dem Punkt an, an dem sich die drei Metallstäbe trafen. Von dort aus lief ein einziger Stab nach oben, weit in den weißen Himmel.
Wieder überlegte sie nicht lange, sondern kletterte einfach weiter und immer weiter. Ihre Hände und Füße schmerzten, vor ihren Augen tanzten bunte Lichter, doch sie kletterte weiter. Die Welt rotierte, stand mal kopfüber, rollte sich von der einen zur anderen Seite, doch sie kletterte weiter.
Auch, als die neue Metallstange endete und ein riesiges Gitter begann, kletterte sie weiter. Sie wusste weder, was sie da tat, noch, warum sie immer höher stieg. Sie wusste nur, dass sie weg von dem Geräusch wollte, das immer noch bedrohlich nah klang. So weit weg wie nur möglich.
Und plötzlich war auch das Gitter vorbei und sie konnte nicht weiter klettern. Sie setzte sich auf den kleinen metallenen Steg, schloss die Augen und atmete tief durch.
Einige Minuten lang saß sie so da, bis sie es wagte, die Augen wieder zu öffnen.
Vor ihr lag ein Raum, größer, als alles, was sie bisher gesehen hatte. Auf dem Boden lag ein riesiger, brauner Teppich mit kurzen nach oben stehenden Stoppeln in der Mitte und langen Fransen am Rand.
Und in diesem Zimmer wankte etwas Großes, etwas Riesiges, Buntes, Rundes umher. Es wiegte sich, wie von gewaltigen Windböen bewegt. Auf dem gigantischen Kopf befand sich ein bunter Stofffetzen. In den gigantischen Händen hielt es ein metallisch glänzendes Rohr, das am Boden in einen breiten Plastikfuß mündete. Diesen Plastikfuß schob das unförmige Etwas über den Teppich und sang dabei aus vollem Halse.
Sie erschauderte.
Einige Minuten später hörte das Getöse auf, als das Ding auf einen großen Plastikkasten drückte, der auf dem Boden stand. Es schob dann zuerst den Plastikkasten, dann sich selbst aus dem Raum und schloss die gigantische Tür.
Sie war wieder ganz allein. Und es war wieder völlig still.
Doch plötzlich, wie aus weiter Ferne, hörte sie viele leise Stimmen.
"Ist sie weg?" - "Ich glaube schon!" - "Was hat sie da gesungen? Puccini?" - "Ich bin mir nicht ganz sicher… könnte auch Bon Jovi gewesen sein…" - "Tja, bei ihr weiß man da ja nie so genau…"
Sie blickte nach unten und sah eine weiße Wand mit schwarzen, wagerechten Linien unter ihren baumelnden Füßen. Und an dieser Wand, an diesen Linien hingen viele, die so aussahen, wie sie selbst.
Ihre Augen weiteten sich, sie sprang auf und winkte mit beiden Armen und rief lautstark nach ihnen.
Einige von ihnen drehten sich nach oben, wandten die Köpfe und lächelten, als sie sie sahen.
"Komm' schon, Kleine. Keine Angst." - "Bist du runter gefallen?" - "Mach dir keine Sorgen." - "Spring einfach, wir fangen dich auf!" - "Keine Angst, du schaffst das." - "Ja, du schaffst das!"
Sie zögerte, blickte nach unten, schloss dann die Augen - und sprang…

Das alles passierte vor einigen Jahren. Sie war die erste ihrer Art gewesen, die ihr Notenblatt verlassen hatte - wie auch immer dies passiert war. Nun war sie wieder bei ihresgleichen.
Doch sie blieb nicht lange. Die Notenpapiere wurden zusammengepackt und an einen anderen Ort getragen. Dort sprang sie wieder vom Papier, lief ein wenig umher, kletterte auf einen anderen Notenständer und hüpfte in ein anderes Stück.
Und während sich viele Komponisten wunderten, wo der dritte Ton in dem Akkord oder die Viertelnote der Melodie geblieben war, wunderten sich andere, wie sie auf die geniale Idee gekommen waren, genau diesen Ton an genau diese Stelle zu setzen.
Und wenn du das nächste Mal Musik hörst, hör' ganz genau hin, vielleicht erkennst du sie zwischen all den anderen wieder.

(march 2004)