lmb_words_stories_Tod dem Tyrannen!

Du Arsch!"
Erst glaubte er, die Stimme gehöre zu seinem Traum. Er saß gerade in einer rosaroten Welt, umgeben von weiten blauen Wiesen, vielen grünen Pferden und Dingen, an die er sich zwar später erinnern, trotzdem aber keine passenden Worte dafür finden würde.
Erst glaubte er, eines der Pferde hätte mit ihm gesprochen. Er sah sich um und blickte tatsächlich in das breite Grinsen eines Pferdes. Die Ohren des Tieres wackelten fröhlich und es wedelte mit dem Schweif.
"Wach endlich auf!"
Vor seinen Augen verschwamm die rosarote Welt, die Wiesen und die anderen seltsamen Dinge und auch das freundliche Gesicht des Pferdes verwandelte sich langsam in das eines ziemlich kleinen, ziemlich hässlichen Mannes, der auf dem Nachttisch stand.
Er rieb sich die Augen und blickte auf den Wecker, auf den sich der kleine Mann gestützt hatte. 04:23 Uhr.
Er rieb sich noch einmal die Augen, hielt sie dann geschlossen und zählte langsam bis zehn. Dann öffnete er die Augen wieder.
"Bist du jetzt völlig übergeschnappt?", rief ihm der Kleine zu.
Jetzt erkannte er, bei genauerem Hinsehen, auch, warum der Kerl so hässlich aussah. Es lag weder an der fleckigen blauen Kleidung, die er trug, noch an der Tatsache, dass er (sehr freundlich ausgedrückt) relativ stämmig war, oder dass sein Gesicht Ähnlichkeit mit dem hinteren Ende eines gebratenen Hähnchens hatte.
Vielmehr lag es daran, dass er gar kein er war. Die (ehemals goldenen, nun stellenweise rostfarbenen) Zöpfe und der sich oberhalb des Bauches noch etwas weiter nach außen wölbende Körper bewiesen es.
"Du hast keine Ahnung, wer ich bin, oder?", fragte er… sie schnippisch.
Er überlegte kurz. Dann antwortete er: "Äh, wahrscheinlich bist du das Produkt meiner Phantasie, weil ich wahrscheinlich immer noch träume, da es keinen rationalen Grund gibt, um 04:23, pardon, 04:24, mitten in der Nacht also, wach zu werden und sich mit kleinen häss… merkwürdig aussehenden Personen zu unterhalten, die einen vom Nachttisch aus beschimpfen. Gute Nacht."
Und so drehte er sich wieder um, wickelte sich in seine Decke ein und schloss die Augen.
Plötzlich spürte er einen Stich am dicken Zeh seines linken Fußes. Er schreckte hoch und sah im Halbdunkel eine ebenso kleine Person am Fußende seines Bettes stehen, die etwas in den kleinen Händen hielt, das entfernt Ähnlichkeit mit einem Zahnstocher hatte.
"Was willst…", begann er, kam jedoch nicht weit.
"Tod dem Tyrannen!", quiekte die kleine Gestalt, die, wie er nun erkannte, eine schwarze Rüstung am ganzen Körper und den eigenen Kopf unter dem Arm trug. Das Objekt, das er für einen Zahnstocher gehalten hatte, schien eine winzige Lanze zu sein, so pechschwarz wie die Rüstung ihres Trägers.
Völlig beruhigt schloss er die Augen wieder. Halluzinationen, ganz einfach. Nichts weiter. Entweder waren es folgen des Schlafmangels der letzten Zeit (er hatte sich viele Nächte um die Ohren geschlagen, während er an seiner uralten klapprigen Schreibmaschine gesessen hatte) oder er wurde langsam wirklich verrückt, wie seine Eltern es immer prophezeit hatten.
So oder so, dachte er, muss ich mir keine Sorgen machen. Wenn es der Schlafmangel ist, sieht morgen früh sowieso alles anders aus, ansonsten ist es ohnehin zu spät, sich Sorgen zu machen.
"Was macht er jetzt?" - "Ich glaube, er schläft!" - "Was?" - "Ja, sieht so aus…" - "Und jetzt?" - "Wartet, ich piekse ihn noch einmal…"
Die Stimmen erklangen jetzt ganz nah an seinem Ohr. Mit einem Ruck drehte er sich um, richtete sich auf und knipste die Lampe über seinem Bett an.
"Was wollt ihr eigentlich von mir?", rief er aufgebracht.
"Was wir wollen? Was wir wollen?", schrie die kleine dickliche Dame zurück. "Erkennst du uns etwa nicht?"
Er überlegte. Wann hatte er zuletzt mit fünf Zentimeter großen Menschen gesprochen? Muss wohl 'ne ganze Weile her sein, dachte er. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.
"Nun… nicht so auf Anhieb…", antwortete er und kam sich ziemlich diplomatisch vor.
"Seitezweiundfünfzigseitezweiundfünfzigseitezweiundfünfzigseitezweiundfünfzig", keifte der winzige Ritter. Ein Älterer Herr, der einen langen glitzernden Umhang und einen Spitzen Hut trug, kletterte hastig aufs Bett und klopfte ihm beruhigend auf die Schulter.
"Seite dreiundzwanzig", sagte die rundliche Frau. Rundlich, ja, das passte, dachte er. Das hörte sich gemütlich, freundlich an.
"Tut mir leid, aber das sagt mir überhaupt nichts…", antwortete er etwas kleinlaut. Die ganze Sache erschien ihm etwas peinlich. Er kannte sonst niemanden, der mit kleinen Männchen sprach (außer vielleicht George, der felsenfest behauptete, vor drei Jahren von Außerirdischen entführt und für merkwürdige und unhygienische Experimente missbraucht worden zu sein).
"Der schwarze Ritter! Na? Dämmert's jetzt?", schrie der kleine Ritter.
Schwarzer Ritter… Seite zweiundfünfzig…
Plötzlich traf ihn die Erkenntnis wie ein plötzlich aufziehendes Gewitter einen Spatziergänger in kurzen Hosen und T-Shirt. Er riss die Augen auf (sein Mund tat instinktiv dasselbe), blickte von einem zum anderen - inzwischen hatte sich noch ein ziemlich lädiert aussehender Fuchs und eine weitere kleine Frau mit einer riesigen Warze auf der Nase dazu gesellt - und stotterte: "Ihr… ihr seid… Ihr…"
"Wir sind deine Figuren, ganz genau!", sagte der ältere Mann mit dem spitzen Hut.
"Meine…", brachte er hervor.
Natürlich. Das würde einiges erklären. Die hässliche Stiefschwester, der schwarze Ritter, der böse Magier… das waren alles Charaktere aus seinen Geschichten.
Er war nämlich Autor. Zumindest sagte er sich das jeden Morgen nach dem Aufstehen und erzählte es auch allen, die nach seinem Beruf fragten - zugegebenermaßen nicht allzu viele.
Hauptsächlich schrieb er Kinderbücher. Märchen hatten es ihm angetan. Kleine, kurze Geschichten mit "den Guten", "den Bösen" und der Moral am Ende, dass jeder das bekommt, was er verdient.
Ganz eindeutig, dachte er, ich bin verrückt. Es liegt nicht am Schlafmangel. Ich werde schlicht und einfach verrückt.
Und da lachte er. Nicht sehr lange jedoch, weil ihm der schwarze Ritter wieder seine kleine Lanze in den dicken Zeh bohrte.
"Was habt ihr überhaupt hier zu suchen? Was soll das alles? Und wie kommt ihr hierher?", fragte er und rieb sich den schmerzenden Zeh. Ihm war jetzt überhaupt nicht mehr nach lachen zumute.
"In der Reihenfolge?", fragte die Hexe. "Gut, in Ordnung. Erstens: Dich. Zweitens: Wir müssen mit dir reden. Und drittens: Glaubst du, ich habe die Warze und den Besen nur zur Dekoration?"
Eine Weile lang schwiegen alle. Dann räusperte er sich und sagte leise: "Und worüber wollt ihr mit mir reden?"
Verstohlene Blicke. Der imaginäre schwarze Peter wanderte von einem zum anderen. Schließlich blickten alle den kleinen schwarzen Ritter an, der mittlerweile ein Tuch hervorgeholt hatte und eifrig an seiner Rüstung polierte. Dabei kullerte ihm einmal sein Kopf vom Arm, er fluchte leise, suchte kurz danach, hob ihn wieder auf und polierte munter weiter.
Nach einiger Zeit blickte er sich um und sah in die ermutigenden Gesichter seiner Begleiter.
"Was? Ich soll… aber warum denn…", begann er, gab es jedoch unter dem strengen Blick der Hexe auf.
"Also gut…" Er holte tief Luft. "Wir wollen uns beschweren."
Stille. Wieder ging ihm die Merkwürdigkeit der Situation durch den Kopf. Um halb fünf morgens saß er auf seinem Bett und unterhielt sich mit kleinen Frauen und Männern, die angeblich direkt aus seinen Geschichten stammten.
"Beschweren?", fragte er.
"Ja, beschweren, beschweren!", brach es aus dem Hutträger - ganz offensichtlich Zauberer - heraus.
"Glaubst du", keifte die Dicke, pardon, Rundliche, "es macht Spaß, immer zu verlieren? Glaubst du, es macht Spaß, am Ende immer den Spott und Hohn abzubekommen? Oder in den Ofen geschoben zu werden?", fügte sie mit einem Blick auf die traurig auf den Boden blickende Hexe hinzu. Der Zauberer klopfte dieser beruhigend auf die Schulter.
"Aber… aber… ihr seid die Bösen, ihr müsst verlieren!", rief er. Das war doch völlig klar. "Was wären das denn sonst für Märchen, wenn der Fuchs sich mit der Gans im Maul einfach so aus dem Staub machen könnte? Wenn die Hexe am Ende glücklich auf den Kinderbeinchen herumkaut? Wenn die Böse Stiefschwester den Prinzen und die arme Prinzessin nur den Job als Putzfrau abbekommt?"
"Realistische", sagten die Besucher wie aus einem Mund.
Darüber dachte er lange nach. Währenddessen blieb es mucksmäuschenstill.
Schließlich räusperte er sich - die Hexe erschrak so sehr darüber, dass sie beinahe vom Bett gefallen wäre.
"Gut, wenn ihr meint… Gleich morgen früh fange ich an, eine Geschichte darüber zu schreiben, wie das Böse über das Gute triumphiert, in Ordnung?", sagte er.
Erstaunt blickten sich die Märchenfiguren an.
Der schwarze Ritter nahm all seinen Mut zusammen. "Versprochen?", fragte er.
"Versprochen", antwortete er müde.
"Und… das ist alles?", fragte der Zauberer misstrauisch. "Wir müssen dich nicht erst noch… foltern oder anderweitig quälen… oder dich bis ans Ende deiner Tage heimsuchen… oder so?"
"Ich… glaube nicht", sagte er schnell.
"Na dann" Das dicke Mädchen stand auf, " ist ja alles in Ordnung."
Sie sprang vom Bett und krabbelte darunter.
"Wehe, wenn du nicht die Wahrheit…", begann der Zauberer, den Zeigefinger drohend erhoben.
"Schon gut, schon gut. Gleich morgen früh", sagte er und spürte, wie seine Augen immer schwerer wurden.
Das letzte, was er hörte, bevor er wieder einschlief, war: "Na also, geht doch!"


Die Sonne schien durch sein Fenster, als er aufwachte.
Die vergangene Nacht war nur noch ein Schatten, eine seltsame Erinnerung, ein böser Traum. Kleine Märchenfiguren… man träumt schon merkwürdige Dinge, wenn man am Abend zuvor einen gehoben hat, dachte er und stand auf.
Sofort schrie er laut auf, ließ sich wieder aufs Bett fallen und untersuchte seine rechte Fußsohle. Darin steckte, klein wie ein Zahnstocher, eine winzige Lanze.


Nach einigen Stunden des Überlegens setzte er sich an seine uralte klapprige Schreibmaschine und begann, eine Geschichte zu schreiben, in der das Böse gewann. Und dann gleich noch eine. Und noch eine.
Je mehr er schrieb, desto mehr Gefallen fand er daran. Je mehr edle Recken er in eine Schlucht stürzen ließ, desto mehr besserte sich seine Laune. Je mehr Geschichten er mit "und da sie schon gestorben sind, leben sie heute auch nicht mehr glücklich und zufrieden" beendete, desto breiter wurde das Lächeln auf seinem Gesicht.
Auch am nächsten Tag und auch am Tag darauf schrieb er. Innerhalb weniger Wochen hatte er dreiundvierzig Geschichten geschrieben. Sofort rief er seinen Verleger an und vereinbarte einen Termin. Er würde ein weiteres Buch veröffentlichen, aber diesmal keine dieser langweiligen Märchensammlungen. Er hatte auch schon einen Titel dafür: "Nehcräm - Märchen einmal anders".


Am Abend vor dem ausgemachten Treffen mit seinem Verleger trank er eine halbe Flasche Rotwein und legte sich mit einem spannenden Krimi ins Bett, schlief jedoch schon kurz darauf ein.
Als er wieder wach wurde, war es dunkel draußen. Ein Blick auf den Wecker offenbarte: Es war 04:23.
Er drehte sich auf die andere Seite und kuschelte sich ganz tief in sein Warmes Bett - als er ein leises Geräusch hörte, das - mit ein wenig Phantasie - fast wie ein kleines Räuspern klang.
Er horchte noch kurz in die Dunkelheit, dann schüttelte er den Kopf und kniff die Augen fest zusammen.
Plötzlich kitzelte etwas an seinen Füßen. Er schrak hoch, stieß dabei mit dem Kopf an die Lampe über seinem Bett, rieb sich fluchend den Kopf und machte die Lampe an.
Am Fußende seines Bettes saßen drei kleine weiße Mäuse.
Er wollte aufspringen, doch glücklicherweise bemerkte er die kleine Frau - die diesmal wirklich das Attribut ‚rundlich' verdiente -, die auf dem Boden neben seinem Bett stand. Sie flatterte entrüstet mit den kleinen Flügelchen, schwang ihren Zauberstab und murmelte etwas, das wie "Bubbedibu" klang.
Und jetzt, da sich seine Augen langsam an das helle Licht gewöhnten, sah er sie. Überall, in seinem ganzen Schlafzimmer waren sie. Kleine Bären, große Frösche, große Bären, eine kleine Holzpuppe mit einer enorm langen Nase und so weiter und so fort.
Sie alle saßen da und blickten ihn erwartungsvoll an.
Er schloss die Augen.
Er öffnete die Augen wieder.
Er schloss die Augen.
"Das ist nicht euer Ernst, oder?", brummte er.
"Nicht unser Ernst? Nicht unser Ernst?", rief eine der kleinen Mäuse. "Es ist ja wohl nicht dein Ernst, was du da in deinen Geschichten anstellst."
Zustimmendes Gemurmel aus dem ganzen Raum.
"Womit seid ihr denn jetzt nicht zufrieden?", fragte er resignierend. "Ich habe doch alles so geändert, wie ihr es haben wolltet. Jetzt gewinnen die Bösen und - ihr hattet recht, es ist alles so viel besser geworden!"
"Besser?", schrie die kleine Holzpuppe wütend. "Man wollte mich zersägen und zu Streichhölzern verarbeiten!"
"Ja, und uns hat man in einen Zoo gesperrt", schluchzte der kleine Bär. Der große nahm ihn beruhigend in den Arm.
"Aber… aber so ist es doch in Wirklichkeit auch", rechtfertigte er sich. "In Wirklichkeit gewinnen auch nicht immer die Guten. Eigentlich sogar ziemlich selten. Die Bösen sind doch immer viel größer, viel stärker oder viel klüger. Ich dachte, euch wäre es recht so."
Schweigen. Dann trat eine kleine Ente hervor, die so hässlich war, dass neben ihr ein wirklich wirklich wirklich hässlicher Klumpen Schlamm gut ausgesehen hätte.
"Glaubst du wirklich, mir wäre es recht, so auszusehen?", quakte sie.
Wieder überlegte er.
Dann brach es aus ihm heraus: "So ist das Leben aber nun mal. Man bekommt nicht immer das, was man will oder das, was man verdient. Man bekommt das, was man bekommt. Basta! Ihr seid unzufrieden mit eurem Leben? Dann ändert etwas daran. Mir die Schuld in die Schuhe zu schieben, weil ihr mit eurer Existenz nicht klar kommt, ist doch wohl etwas unfair, findet ihr nicht?"
Und damit machte er das Licht wieder aus, legte sich wieder hin, kniff die Augen ganz fest zusammen und presste sich ein Kissen aufs Ohr.
Irgendwann schlief er ein.


Am nächsten Morgen fand er keine Spuren der Eindringlinge der letzten Nacht.
Er frühstückte, duschte, las die Zeitung, hörte etwas Musik und setzte sich dann an seine uralte klapprige Schreibmaschine.
Seine Finger verharrten über den Tasten.
Dann, ganz plötzlich, kam ihm eine Idee. Er schrieb und schrieb, so schnell wie er noch nie geschrieben hatte.


Einige Tage später hatte er viele neue Geschichten geschrieben. Hier endete niemand mehr in irgendwelchen Backöfen oder wurde von Klippen gestoßen.


Seine neuen Erzählungen waren trotzdem spannend und traurig und fröhlich und unterhaltsam und bis zum heutigen Tag hat er kein Märchen mehr geschrieben.

(august 2004)