lmb_words_stories_Liebe

Wer ist eigentlich jemals auf die Idee gekommen, die Liebe unter den Menschen (jedenfalls unter einigen) einzuführen? Anscheinend niemand, dessen durchschnittlicher Intelligenzquotient jenseits dem eines Gurkenschälers liegt. Warum? Ganz einfach:

  1. Schon allein der Anfang ist relativ ungünstig geregelt. In der heutigen Zeit wäre jedes Buch über Anmachsprüche, die "garantiert funktionieren" spätestens beim nächsten Diskobesuch veraltet, männliche Wesen (ich beschreibe diese Seite der Medaille, da ich mich als solches bezeichnen würde) werden nur dann für unter gewissen Umständen für akzeptabel gehalten, wenn sie den Körperbau eines Arnold Schwarzeneggers, die poetische Ader eines Johann Wolfgang von Goethes, den Intelligenzquotient Einsteins und Newtons zusammen genommen und den Normalverdienst eines Bill Gates haben. Der durchschnittliche Otto-Normal-Mann, dem meinetwegen eine oder vielleicht sogar alle diese Eigenschaften fehlen, KANN doch so überhaupt keinen Erfolg haben. Der dadurch aufgebaute Druck wird dann dadurch gelindert, dass man sich in der Kneipe mit den Kumpels "von umme Ecke" auf Bierdeckeln als Gedächtnisstütze die neuesten Nebenbei-Eroberungen notiert… wie weit sind wir gekommen, wie tief sind wir gesunken?

  2. Haben sich aber dann einmal Männlein und Weiblein gefunden, ist gerade einmal der erste Teil erledigt, die Probleme fangen jedoch gerade erst an! Die moralisch einwandfreien und gesellschaftlich akzeptablen (also waaahnsinnig langweiligen) Aktivitäten, die diejenigen, die gerade im akuten Kennenlern-Prozess begriffen sind, regelmäßig und mit großem Elan durchführen, müssen erst einmal verabredet und durch beiderseitiges Einverständnis abgeklärt werden. Nach den ersten Tagen, Wochen oder manchmal sogar Monaten oder Jahren (wir reden nun einmal von Menschen) können dann die eigentlich wichtigen oder interessanten Aktivitäten, Unterhaltungen, Diskussionen oder Aktionen (die nicht nur mit dem gegenseitigen Austausch von Körperflüssigkeiten zu tun haben müssen) gestartet werden. Alles in allem stehen die Überlebenschancen für eine gerade eben frisch geborene Baby-Partnerschaft nicht gerade gut, der Kindstot tritt relativ häufig und relativ kurzfristig ein. Warum hat sich der Erfinder der Liebe nicht einfach ein Beispiel an den Tieren genommen? An Hunden beispielsweise! Wenn ein (männlicher) Hund im Park die Duftspur eines anderen (meist weiblichen, es gibt Gegenbeispiele) Hundes riecht, gibt es zwei mögliche Reaktionen: Die erste könnte man in menschlicher Mimik und Gebärdensprache etwa mit "iiih…." übersetzen, die andere hätte das Äquivalent von "aha, nix wie hin!". Nach ein wenig Beschnüffeln und ein wenig umeinander laufen (und natürlich der oben erwähnten Aktionen) ist die Sache erledigt, beide Hunde (die Besitzer eher weniger) glücklich und das Problem der Weitergabe des genetischen Code gelöst. So einfach kann das sein!

  3. Ein weiterer Nachteil einer jeden Beziehung ist, dass man nach und nach die Marotten des Partners erfährt (freiwillig oder unfreiwillig, nach dem Motto "ich hab mir doch zu Hause auch immer die Fußnägel am Esstisch geschnitten"). Auch die schon fast vorprogrammierten Konflikte zwischen der Neueroberung und dem alt eingesessenen Freundeskreis erregen immer wieder die Gemüter. Dabei ist alles doch so vorhersehbar. Wenn Lieschen Müller (wodurch sich niemand mit diesem Namen angesprochen fühlen sollte) ihren Karl-Heinz (hier gilt dasselbe) ihren Freundinnen vorstellt und erst nach einigen Sekunden betretenen Schweigens von Gisela (wie auch immer) der Kommentar "na ja, stattlich ist er ja" zu hören ist, sind weitere interessante Konversationen durchaus vorprogrammiert.

  4. Doch selbst, wenn der Partner/die Partnerin die Musterung durch Eltern, Bekannte und Freunde und die strenge Überwachung jeder einzelnen Bewegung ohne größere geistige oder seelische Schäden überlebt, gibt es immer noch ein Problem: Keine Liebe hält ewig. Ehepaare, die seit Jahren oder Jahrzehnten (ich lasse absichtlich die Jahrhunderte weg) verheiratet sind, bleiben nicht unbedingt aus Liebe beieinander. Dies hat viel mit Gewöhnung und Bequemlichkeit zu tun. Kommen wir wieder zu den Hunden zurück: Ein durchschnittlicher Hund hat mindestens 2,4 Flöhe. Lassen wir 1,4 davon weg und beschäftigen uns mit dem übrig bleibenden (hoffentlich vollständigen) Exemplar. Dieser hat sich gerade an "seinen" Hund gewöhnt, sich einen hübschen Platz irgendwo in der buschigen Graslandschaft des Collies, Dalmatiners oder der räudigen dreibeinigen Promenadenmischung gesucht und dort eine Heimat gefunden. Selbst, wenn jetzt ein unendlich gut gepflegter und bis zum Bersten gemästeter Pudel vorbei liefe, würde der durchschnittliche Floh (faul, wie er ist) NICHT den Hund wechseln, allein aus Bequemlichkeit und Gewöhnung. Genau so ist es bei Menschen. Nachdem man die Strapazen der Suche (1) und der gegenseitigen Annäherung (2) hinter sich gebracht hat, will man die Eroberung auch so lange wie eben möglich genießen und sich jeden Morgen beim Blick auf das verschlafene Spiegelbild sagen können: "Das hab ich geschafft, der/die gehört mir!". Die Betonung dieses Satzes hängt natürlich hauptsächlich vom jeweiligen Partner und den damit verbundenen (meist äußerlichen) Merkmalen ab.


Was schließen wir also aus diesen Punkten?

  • Mach nicht alles noch komplizierter, als es ohnehin schon ist

  • Wenn wir alle Hunde wären, wären alle Probleme auf dieser Welt gelöst

  • Seine Fußnägel sollte man (zumindest in Gegenwart des Partners) nicht am Esstisch schneiden (gleiches gilt übrigens für in-der-Nase-bohren, am-Daumen-lutschen oder in-die-Badewanne-pinkeln [der menschliche Geist kann schon seltsame Auswüchse hervorbringen...])


und schließlich und endlich:

  • Liebe kann verdammt grausam sein, wenn man nur zugucken darf

(may 2002)