lmb_words_stories_Erschaffung

Manchmal passiert es, das man einfach da sitzt und über nichts nachdenkt. Man ist einfach zufrieden mit sich selbst und mit der Welt. Manchmal passiert es in diesem Zustand, dass einem plötzlich Ideen durch den Kopf streifen, wie eine Person in einer typischen Londoner Nebelnacht. Sie taucht auf und verschwindet kurz danach wieder und man ist nicht sicher, ob man sie wirklich gesehen hat, oder ob sie nur ein Produkt der eigenen Phantasie war. Dieser Text ist bei solch einem seltsamen Erlebnis entstanden :-) Die Einleitung hat nur den Sinn, dass mich niemand nach dem politischen, psychologischen und theologischen (wow, drei Fremdwörter auf einmal...) Hintergrund fragt...

Irgendwann vor langer, langer Zeit dachte Gott darüber nach, wieder einmal etwas zu erschaffen. Das Universum allein war ja schön und gut, aber so ganz leer sollte es ja schließlich nun auch nicht sein. Und da die Sache mit den Marsmännchen gehörig in die Hose gegangen war (der Planet zu rot, der Körper zu grün, was sollte da schon draus werden), musste eine neue Idee her, etwas Geniales, etwas Neues!
Nun, Gott war (und ist) nicht gerade der Typ, der sich jemals mit etwas Einfachem zufrieden gegeben hätte und so fing er an, eine gesamte Welt neu aufzubauen. Er fing ganz klein an. Es gab winzige Teilchen, von denen er dachte, dass die zukünftigen Bewohner der Welt sie sowieso niemals entdecken würden. Er klebte sie zusammen, hängte sie aneinander und schuf so immer größere Gebilde aus vielen hundert verschiedenen Teilchen. Plötzlich kam ihm ein Bild in den Sinn. Es war ein Lebewesen, ein Tier. Es hatte zwei Arme mit jeweils fünf Fingern, zwei Beine mit jeweils fünf Zehen (Gott freute sich, dass alles so schön symmetrisch war), dazwischen einen netten Torso und oben drauf einen Kopf mit Ohren, Nase, Mund und Augen. So fing Gott an zu basteln.
Es dauerte sicher etwas länger als die berühmten sechs Tage, bis Gott mit allem fertig war. Nebenbei (während kleinen kreativen Pausen) erschuf er noch Tag und Nacht, Himmel und Erde und alles, was ihm noch so einfiel. Gott kann nämlich etwas, um das ihn viele Menschen heute beneiden: Mehrere Dinge gleichzeitig (und wirklich gleichzeitig) tun. Bei den Menschen klappt dies nicht so ganz, aber das könnte ja auch Absicht gewesen sein.

Wie auch immer, der Mensch, so wollte Gott seine neueste und exklusivste Schöpfung nennen, war fast fertig. Zwar hier und dort noch etwas haarig und nicht wirklich intelligent, aber doch, so fand Gott, ein guter Anfang. Er setzte den Menschen auf die Erde, schuf direkt noch einige Kopien, veränderte hier und dort einige Kleinigkeiten und testete das Ganze. Anfänglich waren die Menschen etwas unbeholfen und stapften in ihrem neuen Zuhause herum. Doch mit der Zeit fand Gott immer neue Tricks und Kniffe heraus, mit denen er immer ein wenig mehr aus den Menschen herauskitzeln konnte. War eine Weiterentwicklung völlig daneben gegangen, wurde sie kurzerhand beendet, denn Gott gefiel das Gesetz, dass nur die Stärksten überlebten. Natürliche Selektion, das hörte sich vielversprechend an.
Doch nicht nur Gott entwickelte die Menschen, die Menschen entwickelten sich auch selbst. Als Gott sich beispielsweise darüber ärgerte, dass wieder einmal ein Mensch seinen schönen, gerade glatt gezogenen See durchstapfte, und aus Versehen einen kleinen Blitz produzierte, der (vielleicht nicht ganz zufällig) in einen toten Baumstamm einschlug, fand der Mensch (nachdem er sich mehrere Male die Finger verbrannt hatte, wie gesagt, er war noch nicht sehr clever) das Feuer. Auch die berühmten Erfindungen wie das Rad oder die Eieruhr sind dem Menschen selbst zu verdanken.
Doch schon kurze Zeit später sah Gott zu seinem großen Entsetzen, dass die Menschen angefangen hatten, sich gegenseitig zu bekämpfen. Sie erfanden immer neuere schrecklichere Waffen, die sie sofort gegeneinander einsetzten. Ihr Erfindungsgeist auf diesem Gebiet reichte sogar schon fast an den Gottes heran.
Gott schüttelte traurig seinen Kopf und dachte lange über die Menschheit nach. Ab und zu warf er einen kurzen Blick in die Zukunft (als Gott kann man so etwas) und beobachtete, wie sich die Menschen entwickeln würden. Immer sah er mehrere Möglichkeiten, nie etwas Eindeutiges.
Gott beschloss, nachdem er einige Zeit die Entwicklung der Menschheit beobachtet hatte, sich an einer anderen Schöpfung zu versuchen. Denn so oft er sich umdrehte, um zu niesen oder sich vor lauter Müdigkeit die Augen zu reiben, hatte der Mensch wieder eine schreckliche Entwicklung nach der anderen vollbracht.
Anfangs schaute Gott noch kurz persönlich auf der Erde vorbei und sprach mit den Menschen. Die meisten von ihnen waren sehr ignorant und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Nach einigen Versuchen gab Gott hier auf. Er hatte noch genug andere Dinge zu tun und so schaute er in einer anderen Welt vorbei und fing eine neue Schöpfung an. Diesmal musste es klappen, die Reptilien waren einfach die beste Wahl.
Doch obwohl Gott sich nicht mehr so oft auf der Erde blicken ließ, konnte er sich ja auf viele Dinge gleichzeitig konzentrieren. Er schmunzelte oft über die Menschen, die krampfhaft behaupteten, ihn gäbe es gar nicht, oder über diese, die ihr ganzes Leben lang nach seltsamen, selbstauferlegten Gesetzen lebten, die angeblich ein wichtiger langbärtiger Mann vor langer Zeit direkt von Gott persönlich erhalten hätte. Er lächelte über die Entwicklung der Beamten und Anwälte und lachte über Politiker. Er nahm sich immer Zeit, wenn jemand von der Erde mit ihm sprechen wollte und war bei jeder einzelnen Geburt und bei jedem einzelnen Todesfall anwesend.
Er war, er ist hier und beobachtet dich. Öffne deine Augen, schau in den Himmel und sag mir, was du siehst! Einen Vogel, oder doch nur eine Zusammensetzung aus Atomen? Eine Wolke, oder doch nur kleine verdampfte Wassertröpfchen? Man kann alles aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilen. Vielleicht gibt es Gott, vielleicht nicht. Vielleicht ist die Entstehung der Menschheit so abgelaufen, wahrscheinlich nicht.
Aber ist das überhaupt wichtig?